Praxis Vielfalt: ein Siegel für weniger Diskriminierungen

Menschen mit HIV sind auf ein Versorgungssystem, das sie frei von Vorurteilen behandelt, dringend angewiesen. Als chronisch Erkrankte mit einer heute sehr guten Lebenserwartung bedürfen sie einer kompetenten ärztlichen Versorgung und Behandlung. Mit dem Gütesiegel „Praxis Vielfalt“ will die Deutsche AIDS-Hilfe einen Anreiz für Versorgungseinrichtungen schaffen, sich für den diskriminierungsfreien Umgang zertifizieren zu lassen. Für Patientinnen und Patienten würde das Gütesiegel die Orientierung im Gesundheitssystem erleichtern.

Es trifft nicht nur Menschen mit HIV!

Die immer wieder berichtete HIV-bezogene Diskriminierung im Gesundheitswesen steht dem entgegen. Nach dem deutschen HIV-Stigma-Index „Positive Stimmen“ wurde knapp zwanzig Prozent der 1148 Befragten in den letzten 12 Monaten mindestens einmal eine Gesundheitsdienstleistung aufgrund der HIV-Infektion verweigert. Aktuelle Fälle, die bei der Kontaktstelle zu HIV-bezogener Diskriminierung angezeigt werden, berichten von Schweigepflichtverletzungen, Diskriminierung bei der Terminvergabe oder sogar von der Verweigerung von Behandlungen.
Aber nicht nur Menschen mit HIV, sondern auch LSBTIQ*-Personen sehen sich in Arztpraxen immer wieder mit Unsicherheit, Vorurteilen und Zurückweisung konfrontiert. Im allgemeinen Gesundheitsprofil schneiden z.B. schwule und bisexuelle Männer schlechter ab als heterosexuelle Männer. Es mangelt an Vertrauen, und die Kommunikation mit Ärzt_innen und dem medizinischen Personal wird als unbefriedigend beschrieben.
Mit dem Gütesiegel „Praxis Vielfalt“ sollen positive Beispiele in der Versorgungslandschaft herausgelobt[lobend hervorgehoben?] werden, bei
denen die Bedürfnisse von LSBTIQ* und Menschen mit HIV vielfältiger kultureller und sprachlicher Hintergründe Berücksichtigung finden. Es zielt darauf ab, einen konkreten Beitrag zur diskriminierungsfreien Gesundheitsversorgung zu leisten. Finanziert wird das Projekt durch Mittel der AOK Gesundheitskasse

Entwicklung von Qualitätsstandards

Bei der Projektentwicklung wurde ein partizipativer Ansatz verfolgt. Menschen mit HIV, LSBTIQ*-Personen, Ärzt_innen, die HIVFachgesellschaften, LSBTIQ*- und Migrant_innenorganisationen waren bei der Konzeption und Entwicklung eingebunden. Gemeinsam haben wir Qualitätsstandards entwickelt, die für eine diskriminierungsfreiere Versorgung der genannten Gruppen stehen.
Als Qualitätsstandards haben wir erarbeitet:
■ Wir beziehen die Lebenswelten von Menschen mit HIV und LSBTIQ Personen mit ihren vielfältigen kulturellen und sprachlichen Hintergründen in unsere Arbeit ein.
■ Wir gehen korrekt und sensibel mit Diagnosen und persönlichen Daten um.
■ Wir sorgen dafür, dass unsere Patient_innen alle für sie wichtigen Themen auf gleicher Augenhöhe ansprechen können.
■ Wir ergänzen unser Wissen und verweisen auf spezielle Angebote für Menschen mit HIV und LSBTIQ-Personen.
Auf dieser Basis entstand das Schulungsmaterial, bestehend aus Checklisten, Anleitungen für Teamgespräche, Lernquiz, Kurzvideos mit Fallbeispielen, die zur Reflektion der eigenen Arbeit anregen, sowie Webinaren zu aktuellen Themen.

Die gesamte Praxis soll zum „sicheren Ort für alle“ werden.

Ganz am Ende des Qualifizierungsprozesses steht eine „Face to Face“ Schulung, die in den Praxen durchgeführt wird. Hier wird die Möglichkeit geboten, eigene Haltungen zu reflektieren und auf spezielle Bedürfnisse des Praxisteams einzugehen. Um die regionale Vernetzung zu stärken, ist geplant, dass die Schulungen von regionalen Aidshilfen und LGBTI Organisationen durchgeführt werden.
Zentral für das Gelingen ist, dass die Praxen den Erwerb des Siegels als eine Teamleistung begreifen und dass sich möglichst viele Kolleg_innen daran beteiligen. Ziel ist, die gesamte Praxis als einen sicheren Ort für alle zu gestalten. Eine regelmäßige Befragung der Patient_innen soll eine Evaluation des Programms ermöglichen.
Alle Materialien hierfür werden von der Deutschen AIDS-Hilfe zur Verfügung gestellt, und sie begleiten die Praxen durch den Prozess. Um das Gütesiegel zu erlangen, müssen ca. 12 Zeitstunden investiert werden, die über einen Zeitraum von 3-4 Monaten verteilt werden können. Im Februar 2018 werden in der Pilotphase bundesweit 5 Praxen und eine Universitätsambulanz mit dem Prozess zum Gütesiegel-Erwerb beginnen. Bis Ende 2018 sollen weitere 5 Einrichtungen dazukommen.
Wenn Ihr Fragen habt oder Euch an diesem Projekt in Eurer Region beteiligen wollt, stehen die Mitarbeiter_innen der Deutschen AIDS Hilfe sehr gerne für Fragen und mit weiteren Informationen zur Verfügung.

Heike.gronski@dah.aidshilfe.de 030/69008750

Text: Kerstin Mörch, Deutsche AIDS Hilfe

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